James Newton Howard ist ein Sympathieträger. Einer, der schon eine Melodie pfeift, wenn er sein Studio in Santa Monica betritt. Während er vorbei an unzähligen goldenen und silbernen Schallplatten, die die Wände zieren, geht, um sich in der Küche einen Kaffee zu machen, fahren seine Assistenten die Rechner hoch.

Der 65-Jährige ist seit 30 Jahren Filmmusikkomponist. Er vertont unterschiedlichste Filmgenres – von leichter Unterhaltung über Actionfilme und Thriller bis hin zu Dramen. Dazu gehören die Musikscores von Blockbustern wie „Erschütternde Wahrheit“, „Maleficent“, „Nightcrawler“, „Defiance“, „King Kong“, The Sixth Sense“, „Snow White and the Huntsman“, „Das Bourne Vermächtnis“, „Peter Pan“, „Unbreakable“, „Signs“, „Falling Down“, „Waterworld“, „Im Auftrag des Teufels“, „Pretty Woman“, „Dave“ und viele mehr.

Der jüngste Erfolg des Grammy- und Emmy-Preisträgers ist die Musik zu „Die Tribute von Panem“, einschließlich des Songs „The Hanging Tree“, gesungen von Jennifer Lawrence, der es auf Platz zwei der Billboard Hot 100 US-Charts sowie auf die ersten Plätze zahlreicher Hitlisten weltweit schaffte. Mehr als 1,2 Millionen Musikfans folgen dem Komponisten jeden Monat auf Spotify.

Sein Tag beginnt mit Musik, und diese begleitet ihn, an arbeitsintensiven Tagen 12 Stunden und länger. Vor seinen Bildschirmen, seinem Mischpult, Mixer, der gewaltigen Surround-Sound-Anlage und dem Midi Keyboard kreiert er Melodien, Rhythmen, Instrumentierungen, um stumme Bilder, die vor ihm über die Leinwand ziehen, zum Klingen zu bringen.

Warum ist Filmmusik so wichtig?

Wissenschaftler knobeln schon sehr lange an der Beantwortung dieser Frage. „Musik hat eine starke Wirkung auf Menschen – das ist bewiesen. Auch weiß man, wie die Klänge übers Ohr ins Innenohr und schließlich zum Hörnerv gelangen, wo sie als elektrische Signale direkt ins Gehirn gesendet werden. Und dort wirken sie. Besonders vier Emotionen -  Freude, Trauer, Sehnsucht, Schmerz -, wie verschiedene empirische Studien belegen. Das Gefühlszentrum des Gehirns wird aktiviert, die erlebten Gefühle verknüpfen sich mit bestimmten Melodien, Tonintervallen oder Rhythmen.

Diese Eigenschaft sind eine sehr wirkungsvolle Bereicherung für den Film und seine Musik. „Musik kann ohne viel zu erklären und ohne mentale Anregungen den Zuschauer in gewisse Gefühlslagen forcieren“, erklärt James Newton Howard, „und so gewisse Grundstimmungen herstellen – Trauer, Nervosität, Angst, pure Freude. Mit diesen Impulsen arbeite ich Tag für Tag. Wenn Filmmusik gut ist, dann kann sie das kognitive Verstehen durch emotionales Erleben überlagern, so dass die Rührung im Vordergrund steht.“

In den letzten Monaten drehte sich in der Welt von James Newton Howard viel um „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“. Sie springen, fliegen und laufen als Filmsequenz über seinen Bildschirm. Passt hier eine Schlagzeugsequenz? Langsam? Schneller? Oder doch besser die Violine? Das Piano? James Newton Howard sieht die Frequenzen in Dauerschleife. Er unterlegt die Bilder mit verschiedenen Rhythmen, unterschiedlichen Klängen und kontrolliert das Ergebnis – wieder und wieder.

So einfach, wie Filmmusik den Zuschauer fesseln kann, ist das Komponieren keineswegs. „Natürlich kann ich meiner Kreativität freien Lauf lassen, jedoch mit klaren Bedingungen“, so Howard. „Der Regisseur steckt den Rahmen ab. Wenn er dies oder jenes Instrument nicht möchte, schränkt das natürlich in einem gewissen Maße ein, erhöht aber auch die Herausforderung.“

James Newton Howard steckt sich klare Ziele, komponiert pro Szene drei bis vier Vorschläge, die er dann mit dem Regisseur bespricht. Selten bleibt es bei der einen, ersten Idee. „Es geht häufig um die Mehrzahl von Möglichkeiten“, sagt Howard. „Auch, wenn es einfache musikalische Parameter gibt, deren Wirkung für sich genommen gut funktionieren, aber schlussendlich muss alles stimmig sein: die Bildszene, die Charaktere und die Eigenheit der Geschichte.

Was ist das Geheimnis hinter guter Filmmusik?

„Ein zeitgenössischer Komponist muss in der Lage sein, gute Demos zu machen. Heißt: Viel Geld in Sounds investieren, um diese für die Umsetzung zu nutzen. Sounds kosten Geld. Ich habe das Glück viel davon zu haben (lacht) und so kann ich dieses in meine Arbeit investieren, den perfekten Ton kaufen, um diesen dann wieder in unvergessliche Kompositionen zu stecken. Eine Vielzahl meiner Sounds habe ich mit dem London Symphony Orchestra aufgenommen. Ich bin zusammen mit Hans Zimmer nach London geflogen und wir haben jedes Instrument einzeln aufgenommen. Dadurch haben wir uns eine Soundbibliothek geschaffen, die einen solch hohen künstlerischen Wert hat, dass es mich nach wie vor umhaut.“

Um zu demonstrieren, was er meint, setzt er sich an seinen Steinway-Flügel, der direkt neben seinem Studio, in einem kleinen schallisolierten Raum steht, mit 15 Stühlen – für ausgewählte Zuhörer. James Newton Howard beginnt zu spielen und es wird schnell klar, dass hinter dem technischen Komponisten ein Musiker aus Leidenschaft steckt. Jeder Ton berührt. Zuerst spielt er langsame Tonfolgen mit kleinen Tonintervallen und komplexen Harmonien und ruft damit eine gedämpfte Stimmung beim Zuhörer hervor. Als er eine dynamische und schnellere Melodie mit größeren Tonsprüngen und einfacheren Harmonien spielt, kommt Freude auf. Er hält inne und erklärt: „Laute, hohe Töne klingen eher scharf und spitz, leise hohe dagegen sanft und leicht, laute tiefe Töne wiegen mächtig und schwer, leise tiefe aber weich und melancholisch.“

Wer live erleben möchte, wie diese (un-)sichbare Berührung das Herz ergreift, sollte die Möglichkeit nutzen einen der größten Hollywoodmusikkomponisten live zu erleben. Ab 21. November 2017 ist der Meister seines Faches auf seiner ersten Livekonzerttournee in Deutschland und Österreich zu erleben. In der Konzertreihe „Das Beste aus 30 Jahren Hollywood“ erleben die Zuschauer Höhepunkte seiner Karriere mit Musik, Filmbeiträgen und spannenden Geschichten.

Wie James Newton Howard zur Filmmusik gekommen ist, erzählt er hier im Exklusiv-Interview.

Tourplan:

21.11., Berlin, Tempodrom

22.11., München, Philharmonie

23.11., Mannheim, Rosengarten Mannheim

25.11., Wien, Wiener Stadthalle

29.11., Hamburg, Elbphilharmonie (ausverkauft)

30.11., Düsseldorf, Mitsubishi Electric Halle

01.12., Frankfurt/Main, Jahrhunderthalle Frankfurt

Zusammenfassung vom Karlovy Vary Filmfestival mit Ehrung von James Newton Howard und seinem Live-Auftritt mit dem Czech National Orchestra

 

Autoren: Franziska Manske/Philipp Colaço