Diese Meinung wird oft vertreten, lässt sich aber mit konkreten Beispielen leicht infrage stellen: Wie stehen wir zu religiösen Karikaturen, erst recht nach dem tödlichen Angriff auf die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ in Paris? Was bedeuten Antisemitismus und Fremdenhass für uns? Wo können Homosexualität und andere Formen sexueller Orientierung gelebt werden – oder sind tabuisiert, gar mit Strafe bedroht?

In Ergänzung zu Gesetzen, Moralvorstellungen, guten Sitten und vielen anderen Regeln wird mithilfe von Tabus festgelegt, was und wer zu uns gehört – oder nicht. Als praktisch zu nutzende Definition bietet sich an: „Tabus sind Meidungsgebote, deren Übertretung mit Ausschluss aus der Gruppe bedroht ist.“ Wir reden also nicht von Ordnungswidrigkeiten wie Falschparken, nicht einmal von einem Steuerbetrug mit der Androhung einer Gefängnisstrafe.

Es geht stattdessen um das Selbstverständnis einer Person oder Gruppe, um ihre Identität. Während zum Beispiel tierische Produkte für Veganer tabu sind und Fleischkonsumenten in manchen Fällen verteufelt werden, sagt Woody Allen mit dem ihm eigenen Humor: „Ich hasse die Wirklichkeit, aber sie ist der einzige Ort, an dem man ein gutes Steak bekommt.“

Die jeweiligen Identitäten sind mit ganz unterschiedlichen Inhalten besetzt. Tabubrecher greifen dementsprechend das Selbstverständnis an und werden verächtlich gemacht, gemieden oder angegriffen, aus Gruppen und Parteien ausgeschlossen.

Die wenigen Beispiele genügen, um klarzustellen, dass jede Diskussion über Tabus in eine heillose Verwirrung zu geraten droht, wenn nicht klar definiert wird, für wen, für welche Gruppe, Religionsgemeinschaft, Partei oder welchen Verein ein Tabu gilt. Kurzum: Jede Gruppe hat ihre eigenen, für sie typischen Tabus. Tabus sichern Identität.

Da sich Ehepaare, Familien, ja die Gesellschaft als Ganzes in einem steten Wandlungsprozess befinden, wandeln sich auch die Tabus. Tabubrüche ermöglichen Entwicklung – oder sind deren Folge. Wenn es gut läuft, wird aus einem Tabu ein Streit- und Diskussionsthema, in dessen Folge das Tabu überwunden werden kann.

Selbst das am ehesten weltweit geltende Inzesttabu wurde inzwischen hinsichtlich der einvernehmlichen Sexualität unter erwachsenen Geschwistern vom Ethikrat in Deutschland auf den Prüfstand gestellt.

Tabus entstehen aber im gesellschaftlichen Wandel auch immer wieder neu. So ist etwa die immer größer werdende Aufmerksamkeit für die „Political Correctness“ ein Beispiel für ein modernes Sprach- und Handlungstabu. Im Rahmen einer verstärkten Sensibilität für die Identität und Würdigung von unterdrückten und benachteiligten Mitmenschen sind „Nickneger“ aus den Kirchen und „Mohrenköpfe“ aus unseren Cafés verschwunden, und aus „Krüppeln“ wurden „Menschen mit Behinderung“ oder „Menschen mit Assistenzbedarf“.

Fazit: Wir leben mit Tabus. Einige werden beachtet, andere werden auf den Prüfstand gestellt oder gebrochen, wieder andere entstehen neu. Wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, die Tabus Ihrer unmittelbaren Umgebung entdecken wollen, empfiehlt sich die TABU-Suchfrage: Was müsste ich tun oder sagen – auch ohne ein Gesetz zu brechen –, um in meiner Partnerschaft, Familie, Firma et cetera ausgeschlossen, zumindest aber geschnitten zu werden? In der Beantwortung dieser Frage werden Sie unweigerlich auf die Tabus Ihrer jeweiligen Bezugsgruppen stoßen.

Ihr Prof. Dr. Hartmut Kraft
Psychoanalytiker mit eigener Praxis in Köln-Lövenich

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