Die HIV-Infektion und AIDS, die Ebolaepidemie in Westafrika, die Ausbreitung des Zikavirus auf dem amerikanischen Kontinent oder die weltweite Zunahme antibiotikaresistenter Bakterien sind nur einige wenige Beispiele dafür aus der jüngeren Zeit.

Dabei waren viele Experten vor 50 Jahren noch der Auffassung, dass Infektionen dank verbesserter Hygiene, wirksamer Antibiotika und effektiver Impfstoffe kein wesentliches medizinisches Problem mehr darstellen. Diese Einschätzung hat sich als große Fehlkalkulation
erwiesen.

Das Gros der Infektionskrankheiten kommt allerdings sehr unspektakulär daher. Und manches Mal kann eine scheinbar einfache Erkrankung einen sehr tückischen Verlauf nehmen. Der 40-jährige André Walter* hat dies am eigenen Leib erfahren müssen. Bis dahin völlig gesund, erkrankte er eines Tages mit hohem Fieber. Die Untersuchung beim Hausarzt ergab nichts Auffälliges außer sehr hohen Entzündungswerten im Blut.

Bei der weiteren Abklärung im Krankenhaus wurden dann Bakterien im Blut nachgewiesen, das Labor konnte sie als Staphylococcus aureus identifizieren. Die Ursache dieser Blutstrominfektion (umgangssprachlich „Blutvergiftung“) wurde nicht gefunden, aber die Gabe von Antibiotika führte rasch zur Besserung, und Herr W. wurde nach acht Tagen beschwerdefrei aus dem Krankenhaus entlassen.

Zehn Tage nach der Entlassung trat wieder hohes Fieber auf, Luftnot und Herzrasen kamen hinzu. Rasch erfolgte die erneute stationäre Einweisung, und wieder wurden Staphylococcus-aureus-Bakterien in mehreren Blutuntersuchungen nachgewiesen. Dieses Mal zeigte eine Ultraschalluntersuchung des Herzens, dass sich die Bakterien auf einer Herzklappe festgesetzt und diese weitgehend zerstört hatten.

Herr Walter musste sofort in ein Herzzentrum verlegt und notfallmäßig operiert werden. Mit der künstlichen Klappe erholte sich das Herz schnell, eine sechswöchige Therapie mit Antibiotika beseitigte die Infektion vollständig und nach einer Rehabilitationsbehandlung konnte er allmählich wieder ein normales Leben führen.

André Walter hatte Glück im Unglück. Nach der Statistik überleben 20 Prozent aller Patienten eine solche Infektion nicht. Aber einiges hätte ihm erspart werden können, wenn bereits beim ersten Krankenhausaufenthalt ein Infektiologe, also ein Spezialist für Infektionskrankheiten mit hinzugezogen worden wäre. Dann wäre unter anderem eine intensivere und längere Behandlung mit Antibiotika erfolgt.

Viele Studien haben gezeigt, dass der Krankheitsverlauf bei solch schweren Erkrankungen verbessert werden kann, ja dass sogar bessere Überlebenschancen bestehen, wenn ein Infektiologe in die Behandlung einbezogen wird. In Deutschland gibt es bisher viel zu wenige solch gut ausgebildeter Spezialisten. Sie werden aber dringend benötigt, um spezielles Wissen bei der Behandlung von Infektionskrankheiten einzubringen und zu verbreiten.

Immer handelt es sich bei Infektionskrankheiten um eine Auseinandersetzung zwischen krank machenden Erregern einerseits und dem menschlichen Immunsystem andererseits. Betroffenen Patienten kann am besten geholfen werden, wenn Ärzte von beiden Seiten viel verstehen und diese Kenntnisse in die Behandlung einbringen. Deshalb braucht es in Deutschland mehr Infektiologen und mehr Wissen über Infektionskrankheiten in der Ärzteschaft.

* Name von der Redaktion geändert

Prof. Dr. Gerd Fätkenheuer
Leiter der Infektiologie an der Klinik I für Innere Medizin, Uniklinik Köln, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie (DGI)

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