Wir brauchen unser Gehirn, um zu fühlen, zu denken, zu handeln und um uns selbst bewusst sein zu können. Wir könnten daher auch sagen, wir sind unser Gehirn.

Der Ulmer Psychiater Professor Manfred Spitzer hat hierzu einmal gesagt, das Gehirn sei das wichtigste Organ, weil es das einzige Organ ist, bei dem man im Falle einer Transplantation lieber Spender ist als Empfänger. Dies ist natürlich nur ein Gedankenspiel. Trotzdem leuchtet es uns unmittelbar ein.

Wir können uns vorstellen, mit einer Beinprothese oder einer transplantierten Niere zu leben, wenn es medizinisch notwendig ist. Für das Gehirn kann das nicht gelten, weil es unmittelbar mit unserer Identität verbunden ist.

Umso schlimmer ist es, wenn das Gehirn durch Krankheit geschädigt wird. Neurologische Erkrankungen können uns schlagartig treffen, wie zum Beispiel beim Schlaganfall. Die Nachricht von dem frühen Tod von Roger Cicero vor wenigen Wochen hat uns alle erschreckt.

In der Tat ist der Schlaganfall eine Erkrankung, die uns zu jedem Zeitpunkt treffen kann, vom Kleinkind bis ins hohe Alter. Weltweit gesehen ist der Schlaganfall die zweithäufigste Todesursache. Patienten, die einen Schlaganfall überleben, müssen oft ein Leben lang mit den Folgen leben. Andererseits haben sich die Behandlungsmöglichkeiten in den letzten zwei Jahrzehnten erheblich erweitert. Voraussetzung hierfür ist eine sofortige Therapie in den ersten Stunden nach dem Schlag durch ein hoch spezialisiertes Team.

Wenn der Wettlauf gegen die Zeit gewonnen ist, ist es wunderbar zu sehen, wie ein Patient mit schweren Lähmungen und Sprachstörungen in die Klinik eingewiesen wird und im Idealfall beschwerdefrei die Klinik wieder verlassen kann. Aber auch bei Krankheiten, die uns schleichend befallen, haben die Behandlungsmöglichkeiten in den letzten zehn Jahren erheblich zugenommen.

So verfügen Neurologen und Nervenärzte etwa bei der multiplen Sklerose über immer wirksamere Therapien, die das zentrale Nervensystem vor einem fehlgeleiteten Immunsystem schützen und Krankheitsaktivität eindämmen. Bei der Parkinsonkrankheit stehen neben Medikamenten auch operative Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung.

Hierzu werden bei der Tiefenhirnstimulation Drähte punktgenau in das Gehirn geschoben, was vielen Patienten wieder eine annähernd normale Bewegung ermöglicht. In einer alternden Gesellschaft ist aber eine der größten Herausforderungen für die Medizin und die Gesellschaft die Demenz. Ganz langsam verschwinden unsere Erinnerung, unsere Persönlichkeit und schließlich unser Selbst.

Aber wann ist Vergesslichkeit krankhaft und wann ist sie einfach nur Ausdruck von Überforderung oder Ausdruck physiologischer Alterungsprozesse? Ob schlagartig oder schleichend: Krankheiten des Gehirns sind besonders beeinträchtigend und führen am häufigsten zu Behinderungen, zum Teil lebenslang. Die Folgen sind nicht nur für den Einzelnen immens, sondern auch für die Gesellschaft.

Von den 80 teuersten Erkrankungen, die die Finanzierungssystematik des deutschen Gesundheitssystems ausmachen, ist ein großer Teil neurologisch. Dies gilt auch für Folgekosten durch Arbeitsausfälle und Berentungen. Deutschland verfügt über eine im internationalen Vergleich leistungsstarke Neurologie.

Medizinischer Fortschritt, neue Therapiemöglichkeiten und die Zunahme der Erkrankungen durch eine alternde Bevölkerung haben den Behandlungsbedarf aber in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich steigen lassen. Eine Anpassung von Versorgungsstrukturen mit hoch spezialisierten und ganzheitlichen Behandlungsangeboten ist daher dringend erforderlich, damit wir Patienten mit Hirnschädigung eine größtmögliche Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen können.

Dr. Uwe Meier,
2. Vorsitzender des Berufsverbandes Deutscher Neurologen (BDN)

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