Wird es also allmählich Zeit, sich vom im Grundgesetz verankerten Ziel gleichwertiger Lebensverhältnisse zu verabschieden? Besteht die einzig realistische Perspektive Ostdeutschlands am Ende darin, zum bevorzugten Ziel westdeutscher und internationaler Touristen zu werden? Um es so deutlich zu sagen: Wer so fragt, sitzt Vor- und Pauschalurteilen auf.

Bei einem differenzierten Blick auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Ostens wird sehr schnell klar, dass sich in den vergangenen Jahren sehr viel mehr und geradezu unglaublich viel getan hat. Ostdeutschland ist heute einer der attraktivsten Forschungs- und Entwicklungsstandorte der Welt. Innovative Industriecluster und -netzwerke haben sich herausgebildet und unterstützen den Strukturwandel hin zu einem global wettbewerbsfähigen Industrie- und Technologiestandort.

So ist beispielsweise „Silicon Saxony“ Europas größtes Mikroelektronikcluster, das verwandte Technologiebereiche miteinander vernetzt und in dem man von gemeinsamer Arbeit und Forschung profitiert.

Etwa 30 Prozent der anwendungsorientierten Fraunhofer-Forschungsinstitute haben ihren Standort in Ostdeutschland. Das ist bezogen auf die Einwohnerzahl eine höhere Dichte als im Westen unserer Republik. Auch die übrigen Infrastrukturen, von den Verkehrswegen bis hin zu den Energienetzen, gehören zu den weltweit modernsten.

Die Unternehmen sind technologisch und organisatorisch ebenbürtig und verfügen über hoch qualifizierte und motivierte Belegschaften. Ein Unternehmen aus Dresden ist heute in der Regel genauso leistungsfähig wie sein Pendant aus Frankfurt am Main.

Doch wenn das so ist, wieso gilt Ostdeutschland dann weiterhin als strukturschwach? Die Antwort ist vergleichsweise einfach: Weil es nicht genug Unternehmen in Ostdeutschland gibt, weil viele dieser Unternehmen noch zu klein und weil größere Unternehmen dünn gesät sind.

In der Fachsprache wird dieses Phänomen auch als „Kleinteiligkeit“ bezeichnet. Viele Unternehmen nutzen noch nicht die Chancen, die sich aus der hohen Dichte an Forschungsinstituten ergeben. Andere verfügen zwar über höchst innovative Produkte, aber sie haben noch längst nicht alle Absatzkanäle erschlossen, um diese entsprechend an den Mann zu bringen.

Aber Tag für Tag nutzen mehr ostdeutsche Unternehmen ihre Möglichkeiten. In Berlin wird dies besonders deutlich. Diese kreative und lebenswerte Metropole mit ihren vier Universitäten ist binnen weniger Jahre zur europäischen Gründerhauptstadt aufgestiegen.

Keine andere Stadt in Europa hat in den vergangenen Jahren mehr Venture-Capital angezogen als Berlin. Hier bewegt sich etwas, und das gilt auch für andere Städte wie etwa Leipzig oder Jena.

Die Wirtschaftskraft ist zwar im deutschlandweiten Vergleich weiterhin noch eher moderat, doch die Entwicklung im Kleinen ist vielversprechend. Wer sich die Mühe macht, genauer hinzuschauen, wird sehr schnell feststellen, was für ein immenses Potenzial in Ostdeutschland steckt. Die folgenden Seiten geben Ihnen Gelegenheit, genau dies zu tun.

Iris Gleicke
Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Wirtschaft und Energie

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