Wenn man allerdings dem jährlichen Gutachten der Expertenkommission Forschung und Innovation folgt, dann steht es insgesamt eher schlecht um den Digitalstandort Deutschland. In dem Bericht heißt es unter anderem: „Die Chancen der Digitalisierung werden in Deutschland kaum genutzt. E-Government ist im Grunde nicht vorhanden, die Möglichkeiten von Big Data und Cloud-Computing bleiben unangetastet, und die wachsende Bedeutung der Servicerobotik wurde bisher verschlafen.“

Mir ist dieses Urteil jedoch etwas zu pauschal. Schaut man genauer hin, ergibt sich ein weitaus differenzierteres Bild. In industriell geprägten Branchen, wie beispielsweise bei den Anlagen- und Maschinenbauern, ist der Kenntnisstand zu Industrie 4.0 und Digitalisierung recht hoch. Bei Unternehmen aus den Branchen Elektrotechnik, Hightech sowie Pharma ist häufig sogar schon eine umfassende digitale Vernetzung zu finden. Die Logistikbranche hingegen hat noch deutlichen Nachholbedarf.

Ein zentrales Problem ist der mangelnde Wissenstransfer aus der Forschung in die Unternehmen. Industrie 4.0 braucht insgesamt mehr Praxisorientierung. Viele Mittelständler fühlen sich mit dem Begriff „Industrie 4.0“ nicht persönlich angesprochen. Selbst einfache Digitalisierungsprozesse stoßen dann zum Teil auf Ablehnung oder sie werden als unwichtig abgetan.

Das führt dazu, dass beispielsweise Big Data im Mittelstand noch eher die Ausnahme bildet. Als Vorbilder sollen oftmals große Konzerne und Industrieunternehmen dienen – mit diesen können sich Mittelständler aber nicht vergleichen oder identifizieren. So hat beispielsweise Siemens für seine digitale Strategie zur Vernetzung rund zwei Milliarden US-Dollar aufgebracht. Da winkt jeder Mittelständler ab.

Doch gerade für mittelständische Unternehmer bietet die digitale Vernetzung enorme Potenziale, etwa die Möglichkeit der individuellen Fertigung, also der kostengünstigen Produktion mit Losgröße eins. Außerdem bestehen im Mittelstand viele enge und individuelle Kundenbeziehungen, und genau diese werden hoch geschätzt. Durch Digitalisierung können sie noch intensiviert werden.

Hinzu kommen enorme Einsparpotenziale durch frühzeitige Wartungsarbeiten und den Wegfall unnötiger Reparaturen. Mit moderner Messtechnik und Sensorik lässt sich mittlerweile enorme Effizienz im Betrieb aufbauen. Aber auch international müssen wir zügig Schritt halten, denn rund 90 Prozent der mittelständischen Industrieunternehmen sind Teil einer internationalen Wertschöpfungskette.

Bei der Masse an Angeboten und Instrumenten kann man als Unternehmer schnell den Überblick verlieren. Meine Empfehlung an die Mittelständler lautet daher: Konzentrieren Sie sich auf einige Bereiche innerhalb Ihres Unternehmens, die Sie anpacken wollen. Es ist sicher auch nicht verkehrt, den Kontakt zu anderen Unternehmern zu suchen und von Erfahrungen zu lernen. Zusätzlich gibt es gute Programme des Bundes, der Länder sowie der EU, die spezielle Förderungen für Klein- und Mittelbetriebe anbieten.

Der BVMW unterstützt mittelständische Unternehmer aktiv und praxisnah bei der Digitalisierung: mit Roadshows, Veranstaltungen, Seminaren und Handlungsempfehlungen. Unlängst haben wir das Kompetenzzentrum Mittelstand 4.0 in Berlin gestartet, das genau für solche Begegnungen von Unternehmern untereinander und das Lernen voneinander ins Leben gerufen wurde.

Hier werden wir Mittelständler über die Digitalisierung informieren, schulen und in konkreten Projekten begleiten. Die Erfahrung lehrt: Wenn Neues für Unternehmer konkret erlebbar wird, nehmen sie es eher an.

Ihr Mario Ohoven
Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft e. V. (BVMW) und des Europäischen Dachverbandes European Entrepreneurs CEA-PME

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